"Journalismus am Abgrund"

Die Frage, wie wir in Zukunft Journalismus finanzieren, hat mich viele Jahre eher am Rande beschäftigt. Denn es funktionierte ja – im Großen und im Ganzen. Das hat sich grundlegend geändert. Der Journalismus, der bislang über Print finanziert wurde, ist akut gefährdet. Eine alternative und adäquate Finanzierung ist (noch) nicht in Sicht. So ist die Finanzierungsfrage untrennbar mit der Sicherung von Vielfalt durch Journalismus verknüpft.

Was ist zu tun, damit auch in Zukunft ein unabhängiger Journalismus Öffentlichkeit herstellen kann?

Mit dieser Frage beschäftige ich mich in meinem Essay: „Journalismus am Abgrund". Wie wir in Zukunft Öffentlichkeit finanzieren“, der kürzlich im Vorwärts-Buchverlag erschienen ist.  Die 14 Thesen, die am Schluss des Essays stehen, finden Sie hier. Ihre Meinung interessiert mich.

 

14 Thesen

1. Die Digitalisierung verändert alles

Digitalisierung verknüpft mit Globalisierung bedeutet zusammengenommen nicht mehr und nicht weniger als eine Revolution – vergleichbar mit der Erfindung des Buchdrucks. Es gilt deshalb, einen Transformationsprozess zu gestalten, der auch zukünftig Vielfalt sicherstellt und vorherrschende Meinungsmacht verhindert, unabhängig davon, an welchem Glied der crossmedialen Kette sie zu entstehen droht. Von der Digitalisierung ist alles und sind alle betroffen, am härtesten die Regional- und Lokalzeitungen. Ihr Verschwinden würde aber auch die demokratisch verfasste Gesellschaft hart treffen.

 

2. Die Verlage sind gefordert

Die Verlage haben diese Situation im Blick, aber blicken sie auch nach vorne? Sehen sie, wo sie sich selbst das Wasser abgraben? Guter Journalismus ist ohne gute Journalisten und ohne gute journalistische Infrastruktur nicht zu haben. Und ohne guten Journalismus will niemand die Zeitung haben. Die Verlage müssen ihre ökonomischen und strategischen Aufgaben selbst lösen. Das wissen und können sie auch.

 

3. Die Gesellschaft ist auch gefordert: Ein Stabilitätspakt für Journalismus

Gesellschaft und Politik sollten alles daran setzen, die Verlage in dieser Übergangsphase vom analogen zum digitalen Zeitalter dort zu unterstützen, wo Hilfe angenommen wird. Voraussetzung: Die Verlage müssen sich einig sein, ob sie einen solchen Stabilitätspakt haben wollen. Dazu gehört auch die Frage nach einem speziellen Leistungsschutzrecht.

Die Politik sollte deshalb schnell prüfen, welche Stützungsmaßnahmen wirtschaftlich sinnvoll und politisch möglich sind. Es gibt für die Politik zahlreiche Möglichkeiten, den Umstrukturierungsprozess abzufedern, so wie es auch in anderen Branchen praktiziert wird. Natürlich, das habe ich schon unterstrichen, darf dies nicht dazu führen, dass die Unabhängigkeit der Zeitungen tangiert wird. Voraussetzung ist aber auch, dass sich die Betroffenen klar darüber werden, welchen Weg sie in Zukunft beschreiten wollen. Sicher: Viele Vorschläge werden auf heftige Kritik stoßen. Aber Nachdenken hat noch niemandem geschadet.

 

4. Mehr Respekt vor dem Lokaljournalismus

Eine Nachricht geht heute in Windeseile um die Welt – mit entsprechenden Fotos und Bewegtbildern angereichert. Eine Naturkatastrophe in Japan, eine politische Revolution in Ägypten. Alles ist sofort verfügbar, verbreitet über digitale Netze, nutzbar auf dem Smartphone, das wir alle nicht mehr aus den Händen nehmen. Doch trotz Globalisierung und Digitalisierung: Das Lokale bleibt für die meisten von uns interessant. Das ist die Chance für Lokal- und Regionalzeitungen. Deswegen: Mehr Respekt für das zukünftige Premium-Produkt Lokaljournalismus.

 

5. Stiften gehen

Eigentlich gab es das schon immer: Jemand hat sich eine Zeitung geleistet. Die Motive reichten von Eitelkeit, Einfluss bis zur Philantrophie. Das war in der Regel gesellschaftspolitisch gut und individuell gesehen ökonomisch schlecht. Die Herstellung von Öffentlichkeit als Bedingung für das Gelingen von Demokratie geht alle an – und es spricht nichts dagegen, wenn manche etwas mehr dafür tun als andere, weil sie es sich leisten können und wollen. Stiftungen sind ein gutes Prinzip um Unabhängigkeit und Transparenz zu sichern.

 

6. Mitarbeiter beteiligen

Das gab es eigentlich auch schon immer: Die Mitarbeiter können sich am Unternehmen beteiligen. Heute eine größere Chance für Verlage, aus der Spirale zwischen Qualität und Rendite auszubrechen. Keine Frage: Für ein Umsteuern bedarf es Mut. Mit Blick auf das, was in der Waagschale liegt, kann die Losung nur lauten: „Let’s do it!“

 

7. Leser können mehr als Lesen

Der Leser ist nicht das unbekannte Wesen. Eine gute Zeitung weiß viel über ihre Leser. Und ein Leser weiß, was ihm „seine“ Zeitung wert ist. Es spricht viel dafür, den Leser in diesem Sinne ernst zu nehmen und ihm auch das Angebot zu machen, sich für seine Zeitung stärker zu engagieren als über ein Abonnement. Beispiele? Das kann auch eine Genossenschaft sein oder eine Art Förderverein oder eine besondere Form einer „Zeitungs-Aktie“, oder, oder, oder. Der Phantasie des Verlegers und der Phantasie des Lesers sollten keine Grenzen gesetzt werden.

 

8. Das duale System hat Zukunft

Das duale System in der Bundesrepublik hat sich zur Sicherung journalistischer Grundstrukturen im europäischen Vergleich bewährt. Bei allen Schwächen bietet der über eine Gebühr, bald über die Haushaltsabgabe finanzierte öffentlich-rechtliche Rundfunk eine breite Palette an journalistischen Inhalten, die die Basis der verfassungsrechtlich geforderten Grundversorgung darstellt.

Gleichzeitig konnte sich im TV- und Radiobereich eine bunte private Senderlandschaft entwickeln, in der zum überwiegenden Teil ein gutes Geld verdient wird und die – auch dies im europäischen Vergleich – sehenswerte und hörenswerte Programme produzieren.

 

9. Die Haushaltsabgabe ist von allen für alle

Das war immer so. Die Rundfunkgebühr (bald: Haushaltsabgabe) ist für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Aber heute auch schon für die Rechtsaufsicht über den kommerziellen Rundfunk, wahrgenommen von den Landesmedienanstalten, und heute auch schon für die Filmförderung. Das macht klar: Die Rundfunkgebühr kann mehr, wenn wir wollen.

 

10. Mehr Öffentlichkeit, mehr Transparenz

Ohne Alternative: Wir benötigen mehr Öffentlichkeit und mehr Transparenz. Das gilt unabdingbar da, wo öffentliches Geld verwandt wird. Also: Eine Stärkung der Aufsicht im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Mit Blick auf Stiftungsmodelle ist es ebenfalls unverzichtbar, eine Art Stiftungssiegel oder einen Code of Conduct zu etablieren. Das ist auch für erfolgreiches Crowd-Funding wichtig.

 

11. Ohne Online ist alles nichts, aber online ist (noch) nicht alles

Online-Formate als Newcomer bahnen sich ihren Weg. Sie sind die Motoren des Umbruchs und werden am Ende auch die Gewinner sein. Dennoch wird die Gesellschaft im Auge behalten müssen, in welche Richtungen sie sich bewegen, Fehlentwicklungen hemmen, zukunftsträchtige Bereiche unterstützen müssen.

 

12. „It’s the content, stupid!“

Es sind die Inhalte, die zählen. Darum geht es. Dabei spielt es immer weniger eine Rolle, auf welchen Wegen die Inhalte den Nutzer erreichen. Wichtig ist: Sie nutzen etwas. Angesichts der Vielzahl von Informationen zeigt sich, auch in Zukunft sind professionelle Einordner, die verständlich und anschaulich schreiben, gefragt; Journalisten eben. Wie wir die Inhalte finanzieren, das müssen wir neu ausloten. Das bisherige analoge System war gut, aber es funktioniert nicht mehr. Jetzt sind neue Wege gefragt: Wer inhaltliche Vielfalt will, muss viele Wege nutzen, diese Inhalte zu bezahlen – hier sind neue Akteure in neuen Rollen gefordert.

 

13. Coopetition statt Konfrontation

Medien sind immer beides: Kultur- und Wirtschaftsgut. Da liegt es nahe, konvergente Entwicklungen zur Vielfaltsicherung zu nutzen. Kooperation, wo es geht, vor allem in der Infrastruktur. Der Wettbewerb sichert Vielfalt.

 

14. Streiten über den besten Weg

Das ist das A und O. Wir müssen streiten: Wie viel Vielfalt wollen wir? Wie viel Geld soll wer und warum in die Hand nehmen? Wie sichern wir Unabhängigkeit? Wie gelingt Transparenz und welche Kontrollmechanismen sind erforderlich? Fragen über Fragen. Der Streit lohnt: Denn es geht um ein wichtiges Gut: Die Herstellung von Öffentlichkeit durch Journalismus, ohne die Demokratie nicht funktioniert.

 






 
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